Neue Erkenntnisse in der Schmerzmedizin – Hoffnung für Millionen Betroffene

Dr. W. Grebe

Dr. W. Grebe

Laut aktuellem Arztreport der Barmer Ersatzkasse erhält über ein Drittel der Deutschen zumindest einmal pro Jahr eine Schmerzdiagnose, Tendenz steigend. Die Zahl der Schmerztherapeuten und Schmerzzentren nimmt zu und die Forschung beschäftigt sich zunehmend mit Ursachen und Behandlung. Zudem leiden Menschen mit chronischen Schmerzen, zu denen auch das Krankheitsbild der Fibromyalgie gehört, häufig auch noch unter chronischer Erschöpfung. Ein großer Teil der Betroffenen fühlt sich von Medizinern noch immer nicht wirklich ernst genommen. Wir sprachen mit dem bekannten Frankenberger Sportmediziner und Internisten Dr. Wolfgang Grebe über neue, möglicherweise bahnbrechende Erkenntnisse zu den Ursachen chronischer Schmerzen und über die Bedeutung von B-Vitaminen in der modernen Schmerztherapie.

INUKO: Herr Dr. Grebe, warum ist es manchmal so schwierig, Schmerzen zu therapieren?

Dr. Grebe: Keine einfach zu beantwortende Frage. Oft suchen uns Patienten mit Schmerzen auf, bei denen wir keine direkte Ursache finden können. Auch lassen sich Schmerzen nicht immer einer Krankheit zuordnen, weshalb wir auch nicht selten die Diagnose “Schmerzkrankheit” stellen. Normalerweise vergisst der Körper einen Schmerz sehr schnell. Es gibt aber viele Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, weil sie einmal erlebte Schmerzen eben nicht bewältigen können. Es gibt also ein “Schmerzgedächtnis”: wenn Schmerzen auch dann noch erinnert werden, wenn die eigentliche Ursache längst nicht mehr besteht.

INUKO: Weiß man, wie es zu solchen Erinnerungen kommt?

Dr. Grebe: Im Großen und Ganzen ja. Es sind bestimmte schädliche Stoffwechselprodukte, die im Hirn der Betroffenen ein Löschen der Schmerzerinnerung verhindern oder, was noch viel schlimmer sein kann, die Empfindlichkeit für Schmerzen um ein Vielfaches erhöhen. Das Hirn gaukelt den Betroffenen dann einen viel zu starken Schmerz vor – das “Schmerzgedächtnis” spielt verrückt.

INUKO: Um welche Stoffwechselprodukte handelt es sich dabei? Und kann man das Schmerzgedächtnis nicht überlisten?

Dr. Grebe: Verantwortlich sind hauptsächlich die Aminosäure Homocystein und deren noch schädlicheren Abbauprodukte, die immer dann in größeren Mengen anfallen, wenn der Körper unzureichend mit bestimmten B-Vitaminen versorgt wird. Und hier liegt auch einer der möglichen Schlüssel einer modernen Schmerztherapie. Denn wenn eine Unterversorgung des Körpers, vor allem aber des Gehirns mit B-Vitaminen am Schmerzgeschehen beteiligt ist, dann sollte man dem mit gezielten B-Vitamin-Gaben effektiv entgegenwirken können.

INUKO: Das entspricht auch dem aktuellen Stand der Wissenschaft. In letzter Zeit häufen sich Publikationen in gleich mehreren medizinischen Fachtiteln, die einem bestimmten Vitamin-B-Komplex eine sehr gute Wirksamkeit bei chronischen Schmerzen bescheinigen. Dort wird auch über eine Studie mit Patienten berichtet, die unter anderem an immer wiederkehrenden Schmerzen litten und von Ärzten per Spritze oder Infusion eine speziell entwickelte Kombination der Vitamine B6, B12 und Folsäure verabreicht bekamen. Diese Kombination wurde bisher erfolgreich vor allem als Aufbaukur zur Behandlung chronischer Erschöpfung eingesetzt (Prüfpräparat: Medivitan N, als Fertigspritze rezeptfrei in Apotheken).

INUKO: Das ist in der Tat eine sehr interessante Praxisstudie mit mehr als 600 Patienten. Neben der bekannten revitalisierenden Wirkung konnte auch ein deutlicher Rückgang bestehender Schmerzen nachgewiesen werden. Aber wir müssen dabei bedenken, dass dieser schmerzlindernde Effekt nicht nur auf die Normalisierung des Schmerzgedächtnisses zurückgeht, sondern wohl auch mit der seit längerem bekannten heilenden Wirkung von B-Vitaminen auf geschädigte Nervenfasern zu tun hat. Es gibt hier ganz offensichtlich einen “dualen Wirkmechanismus”, der in der Schmerzbehandlung zunehmende Bedeutung erfährt.

INUKO: Schäden an Nervenfasern? Da wären wir beim Thema neuropathischer Schmerz und Fibromyalgie? Fibromyalgie ist ja eines dieser typischen, schwierig zu lokalisierenden Schmerzphänomene.

Dr. Grebe: Ja. Das Auffinden von Ursachen und besonders die Behandlung sind bei dieser Krankheit schwierig. Verantwortlich sind neuesten Erkenntnissen zufolge womöglich Schäden an kleinsten Nervenfasern durch Prozesse, deren genaue Abläufe wir noch nicht wirklich kennen. Eine der Ursachen von Nervenschäden ist ein Mangel an Vitaminen aus der B-Gruppe. Eine norwegische Forschergruppe konnte kürzlich nachweisen, dass Fibromyalgie-Patienten besonders häufig unter Vitamin-B-Mangel leiden, mit den bekannten Auswirkungen auch auf das Schmerzgedächtnis. Vieles führt also immer wieder auf den B-Vitamin-Komplex zurück.

INUKO: Aber warum Spritzen? Kann man nicht einfach hoch dosierte Tabletten schlucken?

Dr. Grebe: Das wäre in der Tat einfacher, aber die Vorteile einer Injektion fehlender Vitamine offensichtlich: so wurde der hohe medizinische Nutzen eines parenteral (nicht als Tablette, Dragee oder Tropfen) verabreichtem Vitamin-B-Komplexes zur Senkung erhöhter Homocystein-Werte im renommierten Wissenschafts-Journal “The Lancet” beschrieben. Nur so gelangen die Vitamine in ausreichender Menge bis hin zu den betroffenen Hirnarealen. Hierfür sind moderne Fertigspritzen die beste Lösung. Vitamin-B-Tabletten oder Trinkampullen, die es ja sogar in Supermärkten gibt, sind zur Behandlung chronischer Schmerzen und echter Erschöpfungszustände nicht anzuraten. Auch bei Höchstdosierungen sind Tabletten häufig sinnlos, wie eine dänische Studie feststellte. Denn selbst gesunde Menschen mittleren Alters können gerade das wichtige Vitamin B12 (Cobalamin) oft nur unzureichend über den Darm aufnehmen. Nein, für eine gezielte und vor allem kontrollierte Vitamin-B6, B12 und Folsäure-Gabe ist die ärztlich angewandte Injektionskur der beste Weg.