Chaos, Getriebenheit, Verträumtheit: ADHS – Wirrwarr der Symptome

Dr. med. Ulrich Rothfelder, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, München

Dr. med. Ulrich Rothfelder

ADHS – die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung – trifft bei Weitem nicht nur Kinder und Jugendliche. Wir sprachen mit dem Experten für ADHS bei Erwachsenen, dem Münchner Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Dr. med. Ulrich Rothfelder über Symptome, tägliche Schwierigkeiten Betroffener sowie über trotz aller Probleme erfreuliche Therapie-Erfolge.

Redaktion: Herr Dr. Rothfelder. Beim Wort ADHS denken die meisten Menschen an Kinder und Jugendliche mit schulischen und familiären Problemen.

Dr. Rothfelder: Es gibt diese Erkrankung aber durchaus auch bei Erwachsenen. Neuesten Statistiken zu Folge leiden bis zu 80% der im Kindesalter Betroffenen auch noch als Erwachsene unter ADHS-Symptomen. Zudem gibt es über die üblichen Symptome wie Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit und überschießende emotionale Reaktionen hinaus auch Menschen, die mitten im Alltag “abschalten”, die einfach übergangslos gedanklich abwesend erscheinen. ADHS verschwindet nicht einfach an der Schwelle zum Erwachsenen-Alter.

Redaktion: Nun wurde lange Jahre ja auch von Fachkreisen behauptet, psychotherapeutische Maßnahmen müssten absoluten Vorrang haben vor allen anderen Therapieansätzen. Das hat sich inzwischen etwas geändert. Wieso?

Dr. Rothfelder: Wir wissen über ADHS unter Anderem, dass sich bei Betroffenen in bestimmten Hirnregionen ein zu niedriger Pegel des Botenstoffs Dopamin findet, was zu Störungen bei der Weiterleitung von Nervenreizen führt. Genau hier können wir mit einer der wichtigsten Therapiesäulen von ADHS ansetzten, durch eine Methylphenidat-Behandlung. Um auf Ihre Frage zu kommen: Es gibt eine aktuelle, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte, pharmaunabhängige Studie1 der Universitätsklinik Freiburg. In der zeigte sich nach einer etwa dreimonatigen Behandlung bei 75% der mit Methylphenidat behandelten erwachsenen ADHS-Patienten eine deutliche Verbesserung des Gesamtzustandes. Der Wirkstoff greift in die gestörte Dopamin-Regulation ein. Das führt häufig zu einer spürbaren Normalisierung. Unserer Erfahrung nach setzt der Effekt schon innerhalb kurzer Zeit ein, häufig schon nach der ersten Tablette: Manche Patienten berichten von einem Gefühl, als habe man einen Schleier weggezogen. Konsequent diagnostiziert und entsprechend therapiert, lässt sich das Leiden vieler Betroffener effektiv und nachhaltig lindern.