Wenn Frauen unter ADHS leiden – späte Diagnose, verschleierte Symptome

Dr. Jana Engel

ADHS trifft längst nicht nur männliche Kinder und Jugendliche. Es gibt auch Mädchen mit ADHS. Die aber werden häufig übersehen, denn ihr Verhalten ist meist ganz anders als das der Jungen. Und was sich in der Kinder- und Jugendzeit unbemerkt vor sich hin entwickelt, kann im Erwachsenenalter zu erheblichen seelischen Problemen führen. Wir sprachen mit der Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. med Jana Engel, einer der erfahrensten ADHS-Expertinnen, über späte Diagnosen, verschleierte Symptome und über die Erkenntnis, dass die Erkrankung dank einer medikamentösen Therapie häufig auch im Erwachsenenalter gut behandelbar ist.

Redaktion: Frau Dr. Engel, ADHS-erkrankte Mädchen fallen selten auf, so heißt es. Warum ist das so?

Dr. Jana Engel: Weil sie häufig so ganz und gar nicht dem landläufigen Bild von ADHS-Kindern entsprechen. Vielfach sind sie gutmütig, still, problemlos. Vielleicht ein bisschen verträumt und in sich gekehrt. Sie funktionieren gut, sind vielfach regelrecht Lieblinge der Lehrer.

Redaktion: Hört sich nicht gerade nach einer therapiebedürftigen Krankheit an.

Dr. Jana Engel: Ja, genau. Und deshalb macht auch niemand etwas. Die wirklichen Probleme tauchen meist ziemlich übergangslos auf, sobald die Personen selbständig ihr Leben meistern sollen. Die Patientinnen brechen dann ihre Ausbildungen ab, halten es in keinem Job lange aus, geraten in schlechte Gesellschaft, an dubiose Partner, die ebenfalls häufig wechseln, machen Bekanntschaft mit Drogen oder Alkohol und können weder ihr Leben, noch ihre Wohnung in Ordnung halten.

Redaktion: Ist das eine Frage der Intelligenz?

Dr. Jana Engel: Ganz und gar nicht. Die Frauen sind nicht dumm, im Gegenteil. Viele haben sogar einen recht hohen IQ und eine bemerkenswerte Kreativität. Was es schlimmer macht! Denn sie spüren ihre Probleme, nehmen sie als persönliches Versagen wahr und geraten darüber in Panik, in Depressionen und entwickeln schließlich Ängste vor dem Leben an sich und dem, was kommen mag.

Redaktion: Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt für eine Therapie.

Dr. Jana Engel: Stimmt. Und viele Betroffene gehen auch zum Arzt. Aber dann kommt das, was ich mit „verschleiernden Symptomen“ bezeichne. Denn ADHS wird erst einmal nicht als Ursache in Betracht gezogen. Behandelt werden Depressionen, die Drogenabhängigkeit, eine Bipolare Erkrankung, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen, vor allem Borderline- oder narzisstische Störungen. Das ist für sich genommen auch so falsch gar nicht, aber das sind Einzelsymptome. Zu Grunde liegt vielen Krankheitsbildern bei näherem Hinsehen eben eine nicht erkannte ADHS im Erwachsenenalter, die durch eine medikamentöse Therapie, z.B. mit Methylphenidat, sowie eine begleitende Psychotherapie gut in den Griff zu bekommen wäre.

Redaktion: Zuerst aber noch die Frage: Sind Frauen im Erwachsenenalter stärker von ADHS betroffen als Männer?

Dr. Jana Engel: Nun, bei Jungs und männlichen Jugendlichen wird ADHS einfach früher erkannt und behandelt. Einer aktuellen Studie zu Folge leiden Frauen mit ADHS häufiger an Depressionen, Angsterkrankungen und bipolaren Störungen als Männer, sie entwickeln ein höheres Risiko für Alkohol- oder Cannabis-Missbrauch und haben ein doppelt so hohes Risiko für Übergewicht wie nicht betroffene Frauen1.

Redaktion: Warum treten die Probleme erst so spät mit solcher Dramatik zu Tage?

Dr. Jana Engel: Weil die Anforderungen meist mit dem Auszug aus dem elterlichen Umfeld so massiv ansteigen. Nach der Schule, in der Ausbildung und in den ersten Jahren der Eigenständigkeit geht es häufig gerade noch gut. Die wirklichen Schwierigkeiten fangen dann mit der ersten Wohnung an, spätestens aber mit der Familiengründung. Unter ADHS leidenden, häufig sehr chaotischen Frauen fällt es schon schwer, nur sich selbst zu organisieren. Wenn dann noch die Aufgaben von Familie und Mutter hinzu kommen, wird es einfach zu viel. Ihren selbstgestellten Anforderungen können sie dann trotz bestem Willen nicht nachkommen.

Redaktion: Dann dürfte es um so wichtiger sein, zwischen all den möglichen Diagnosen ADHS als Auslöser zu erkennen.

Dr. Jana Engel: Das stimmt – die richtige Diagnose ist in diesen Fällen entscheidend und hilft, viele Fehlwege zu vermeiden. ADHS lässt sich nämlich durch eine Behandlung mit Methylphenidat, dem sogenannten MPH, vielfach sehr erfolgversprechend therapieren. Schlägt eine solche MPH-Therapie an, gehen auch die Begleiterkrankungen vielfach zurück. Zudem kann auf bisherige antidepressive Mittel häufig verzichtet werden oder sie werden schwächer dosiert. Natürlich ist eine begleitende Psychotherapie ebenfalls notwendig.

Redaktion: Wie sieht es mit Nebenwirkungen aus?

Dr. Jana Engel: Einer der großen Vorteile einer korrekt dosierten MPH-Behandlung ist ihre weitgehende Nebenwirkungsfreiheit. Konkret bedeutet dies eine Stabilisierung der Gefühlswelt der Patientinnen. Sie können ihr Leben strukturierter und mit einer besseren Stressresistenz führen und erleben es häufig „als hätte jemand einen Vorhang beiseite gezogen“.

1 Retz-Junginger, P. Et al. Welchen Einfluss hat das Geschlecht auf das Inanspruchnahmeverhalten bei adulter ADHS im Rahmen einer Spezialambulanz? Pschat Prax 2012; 39 (07): 345-348