Retardiertes Melatonin bei Schlafstörungen – Damit die innere Uhr wieder stimmt

Chronische Schlafstörungen können zum Horror werden. Wer nicht einschlafen kann oder in der Nacht immer wieder wachliegt, ist am Morgen weniger leistungsfähig, kann sich kaum konzentrieren und hat Probleme mit dem Gedächtnis. Als neue Therapieoption kommt immer stärker retardiertes Melatonin in den Fokus der Wissenschaft und Patientenversorgung. Wir sprachen mit Dipl.-Psychologe Werner Cassel vom Schlafmedizinischen Zentrum am Klinikum der Philipps-Universität in Marburg über diese Therapiemöglichkeit, von der Studien zeigen, dass mit ihr die Innere Uhr sogar bei Demenz- und Alzheimer-Patienten vielfach wieder in Takt zu bringen ist.

Redaktion: Herr Cassel. Wer nicht schlafen kann, nimmt Schlafmittel, was ist daran so kompliziert?

W. Cassel: In der Tat war das früher oft so. Bis dann Risiken wie Abhängigkeit, Tagesmüdigkeit oder Reaktionsverlangsamung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit kamen. Sehen Sie, herkömmliche Schlafmittel sind vom Grundsatz her so etwas wie schwache Narkosemittel. Man schläft zwar meist gut ein, erholt sich aber nicht wie bei natürlichem Schlaf. Was ungut ist, denn im Schlaf trennt unser Gehirn z.B. Wichtiges von Unwichtigem und verarbeitet die Eindrücke des Tages. Werden diese Prozesse durch Medikamente beeinträchtigt, verschlechtern sich Konzentration, Gedächtnis und Stimmung. Dauerhaft schlechter Schlaf ist ein unabhängiger Risikofaktor für Gewichtszunahme, Diabetes sowie Herzinfarkt und Schlaganfall.

Redaktion: Vielfach ist die Rede vom circadianen Rhythmus. Was ist darunter zu verstehen?

W. Cassel: Das Wort kommt aus dem Lateinischen. „Circa dies“ bedeutet „ungefähr ein Tag“. Der wohl wichtigste circadiane Rhythmus ist Wachen und Schlafen. Ein wichtiger Taktgeber für den Schlaf ist das Hormon Melatonin. Gesteuert von der Inneren Uhr wird es etwa alle 24 Stunden bei Dunkelheit zu Beginn der nächtlichen Ruhephase von der im Zwischenhirn liegenden Zirbeldrüse ausgeschüttet und löst im Normalfall eine gesunde Müdigkeit aus. Erst gegen Morgen sinkt die Konzentration wieder ab und leitet im Zusammenspiel mit anderen Substanzen das Aufwachen ein.

Redaktion: Das stellt sich doch die einfache Frage, ob nicht die Zufuhr von Melatonin einen entgleisten circadianen Rhythmus wieder normalisieren kann.

W. Cassel: Unter gewissen Umständen schon. Der Trick an der Sache ist die regelmäßige Gabe über eine längere Zeit. Melatonin sollte möglichst immer zur gleichen Uhrzeit bis maximal 2 Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden. Zu viel ist übrigens kontraproduktiv. Denn wird das Hormon zu schnell oder in zu hoher Konzentration freigesetzt, verpufft die Wirkung und besonders der Schlaf in der eher kritischen zweiten Nachthälfte bleibt schlecht. Eine der natürlichen Ausschüttung entsprechende Freisetzung ermöglicht einen guten Schlaf, der seine vielfältigen Funktionen erfüllen kann.

Redaktion: Man sollte also nicht irgendein Melatonin schlucken?

W. Cassel: Es geht um die richtige Zubereitungsform. Und da gibt es nur eine, die die gewünschte naturähnliche Freisetzung ermöglicht – das sogenannte „retardierte“ Melatonin. Nur durch diese langanhaltende Freisetzung wird physiologischer Schlaf über die gesamte Ruhephase gefördert – übrigens ein gewichtiges Argument gegen diffuse Internetpräparate oder Drogeriemarkt-Angebote mit teils unbekannter chemischer Struktur und Darreichungsform.

Redaktion: Wie schnell merken Patienten die Wirkung?

W. Cassel: Retardiertes Melatonin ist kein Schlafmittel im klassischen Sinne. Es reguliert den circadianen Rhythmus, wirkt aber nicht von heute auf morgen. Hier hängt viel von einer vernünftigen Aufklärung des Patienten ab, der sich bewusst für diese vielversprechende Therapieform entscheiden und seine Erwartungen entsprechend anpassen sollte. Denn obwohl die ersten Anzeichen einer Besserung teils recht schnell einsetzen, kann es durchaus etwa 14 Tage dauern, bis die Innere Uhr wieder besser in Schwung gekommen ist und sich der Schlafrhythmus normalisiert hat.

Redaktion: Dafür entfallen aber auch die Neben- und Wechselwirkungen von klassischen Schlafmitteln weitgehend, oder?

W. Cassel: Absolut richtig! Und in Anbetracht der großen Vorteile setzt sich die chronobiologische Schlafunterstützung mit retardiertem Melatonin immer mehr als Mittel der Wahl bei chronischen Störungen des Schlaf-Wach-Ablaufs durch.

Redaktion: Nun soll es ja sogar bei Demenzkranken und Alzheimerpatienten unter Melatonin zu einer Besserung des Schlaf-/Wachrhythmus kommen. Stimmt das?

W. Cassel: Demenz- und Alzheimer-Erkrankte sind in besonderem Maß auf eine möglichst gut funktionierende Selbstreinigung des Gehirns im Schlaf angewiesen. Eine multizentrische Studie konnte zeigen, dass sich die Schlafqualität von Alzheimer-Patienten durch eine Therapie mit retardiertem Melatonin deutlich verbessert. Das ist eine echte Erleichterung sowohl für die Betroffenen als auch für die häufig unter extremen Belastungen pflegenden Mitmenschen. Ein Wort noch zum Schluss: Circadiane Störungen sind komplexe Gesundheitsprobleme, daher gehört eine Therapie mit retardiertem Melatonin eher in die Hand erfahrener Ärzte und sollte durch eine verhaltensmedizinische Beratung ergänzt werden.