So wird die moderne Wundversorgung perfektioniert

Eine kleine Unaufmerksamkeit in der Küche, am Arbeitsplatz, beim Kinderspiel und schon ist sie da – eine Schürf- oder Schnittwunde. Welche Maßnahmen versprechen jetzt die besten und schnellsten Heilungschancen? Wir sprachen mit dem Leiter des zertifizierten dermatologischen Wundzentrums und Oberarzt der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Essen, Prof. Dr. med. Joachim Dissemond, über ein vielversprechendes Duo aus Wundreinigungsspray und Wundheilungsgel.

Redaktion: Herr Professor, wie können wir bei uns und bei anderen zu einer möglichst zügigen und folgenlosen Wundheilung beitragen?

Prof. Dissemond: Wenn Hautabschürfungen, Risse oder Schnitte entstanden sind, hängt die Heilungsqualität auch von dem sogenannten Wundmanagement ab, also von den einzelnen Schritten der Wundbehandlung. Zuerst sollte die Wunde gereinigt werden.

Redaktion: … bei der ja vielfach schon Fehler gemacht werden.

Prof. Dissemond: Sagen wir mal so: Da wird manchmal übervorsichtig reagiert. Denn üblicherweise – mit Ausnahme tiefer Stich- und Bisswunden – sind frische Wunden meist noch nicht durch Bakterien infiziert. Also sind Jodtinkturen oder andere antiseptische Lösungen oft nicht erforderlich.

Redaktion: Es gibt spezielle Wundreinigungssprays für die Behandlung von Wunden. Wie sinnvoll sind diese?

Prof. Dissemond: Wundreinigungssprays können den 1. Schritt der Wundbehandlung unterstützen. Viele dieser Sprays enthalten Betaine, die sich an Schmutz und Mikroorganismen in der Wunde anhaften und diese dann schmerzfrei und zuverlässig aus dem Wundbereich herauszulösen. Wenn dann gründlich und sicher gereinigt wurde, kann der nächste Versorgungsschritt in Angriff genommen werden, eine optimierte feuchte Wundheilung.

Redaktion: Dieses Schlagwort „feuchte Wundheilung“ wird ja auch u.a. von der Deutschen Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW) in ihrer aktuellen ärztlichen Leitlinie gefordert. Warum?

Prof. Dissemond: Erlauben Sie erst einmal einen Blick auf den dreistufigen Wundheilungsablauf: In der ersten Phase bildet sich Wundsekret, um Schmutzpartikel und Mikroorganismen auszuschwemmen – das ist oft auch eine schmerzhafte Phase. Danach folgt die sogenannte Granulations- oder Proliferationsphase, die den Wundverschluss startet. Erst mit dem letzten Heilungsschritt, wir nennen dies Reparations- oder Epithelisierungsphase, verheilt die Wunde. In all diesen Phasen hat die feuchte Wundbehandlung, also das Feuchthalten der Wundoberfläche, deutliche Vorteile gegenüber der Abtrocknung an der Luft.

Redaktion: Für die feuchte Wundheilung bieten sich beispielsweise hydroaktive feuchthaltende Lipogele an. Warum verbessert das die Wundheilung so stark? Und welche Rolle spielt die pH-Wert-Optimierung, von der so viel die Rede ist?

Prof. Dissemond: Einer der Feinde der ungestörten Wundheilung ist Schorf. Unter Schorf, vor allem wenn er aufgekratzt wird oder durch Bewegung aufreißt, können sich Millionen von Bakterien sammeln. Wird die Wunde jedoch unter dem Verband oder Pflaster mit einem hydroaktiven Lipogel bedeckt, kann sich kein Schorf bilden. Das über der Wunde neu entstehende, zarte Gewebe wird so weder zerstört, noch reißt es wieder ein. Zu Ihrer Frage nach dem pH-Wert: Ein saurer pH-Wert in der Wunde fördert die Bakterienabwehr und Geweberegeneration.

Redaktion: Auch Verbandwechsel müssten dann einfacher sein.

Prof. Dissemond: Schmerzhafte Verbandwechsel können in der Tat zu einer Qual für die Patienten werden und teilweise die Heilungsfortschritte zunichtemachen, weil das neue Gewebe wieder auf- und abgerissen wird. Bei einem Feuchthalten der Wunde kann dies nicht geschehen. Dank verbesserter Luft- und Nährstoffversorgung bilden sich neue Hautzellen deutlich schneller, vernetzen sich leichter und schließen so die Wunde zuverlässig. Bei einer zusätzlichen Pflege der empfindlichen Wundränder, reduziert sich auch die Gefahr unschöner überschießender Narbenbildungen.