Die angstmotivierte Lust am Befehlen

Spüren Sie es auch? Diese Bedrückung, diese Lähmung, diese Resignation, die sich über´s Land legt? Und noch etwas kommt hinzu – die Vorsicht, mit der untereinander gesprochen wird. Corona, so meine ich, zeigt noch ein anderes Krankheitsbild, das mehr psychologischer Natur denn organischer ist. Die angstmotivierte Lust am Befehlen.

Es war fast schon ein Verbrechen: Stern TV lud am 16. Januar einen „Querdenker“ auf den heißen Stuhl, ein Unterhaltungsformat, das bisher nicht durch den Versuch auffiel, wissenschaftlich fundierte Kenntnisse zu vermitteln. Der Mann erzählte, was er halt erzählen wollte. Teilweise wenig fundiert, teilweise diskussionswürdig. Und genau darum geht es – um die Diskussion! Der Hautpttenor der ständig betroffenen Twitter-User nach der Ausstrahlung war aber weniger eine Auseinandersetzung mit den Thesen, sondern ein „wie konntet ihr so jemanden einladen?“ Die Spitze kam dann von Sara Nanni, die für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag sitzt. Sie verwies flugs auf Warnungen „der Dienste vor weiterer Radikalisierung“. Ups – seit wann sind denn die Linksgrünen so erpicht darauf, Erkenntnisse der Schlapphüte in ihre Politik einzubauen?

Meinungsfreiheit, Recht am eigenen Körper, De-Eskalation?

Ich bekenne freimütig: Es gefällt mir nicht, wie inzwischen mit abweichenden Meinungen umgegangen wird. Gerade und zuvorderst von Parteien, die in jedweder sonst noch so abstrusen Situation das „Recht am eigenen Körper“ postulieren. Nur ganz zögerlich kommen – seltsamer Weise aus bisher eher dem konservativen Lager zuzurechnende – zur Vorsicht mahnende Äußerungen. Wenn ein Markus Söder fordert, man solle „nicht alle Demonstranten in einen Topf“ werfen, hätte ich solche Bemerkungen doch eher aus dem linken Spektrum erwartet. Dort aber herrscht die Lust am Maßregeln, am Verbot und am Zwang. Ein Schelm, wer sich dabei wundert. Der Tübinger OB Palmer würde am liebsten die Freiheitsrechte Ungeimpfter gleich ganz in die grüne Tonne kippen, eine wild gewordene Münchner Grünen-Politikerin fordert ein Vorgehen der Polizei gegen Corona-Demonstranten mit „Pfefferspray und Schlagstöcken“, während sie noch Monate vorher Nachricht und „Augenmaß“ gegen linke Rowdys angemahnt hatte. Was macht dieses Virus mit unserem Land? Woher kommt die Lust am Gebieten, die Unnachgiebigkeit, mit der sich die Menschen gegenüber stehen? Ist es ein aus der Angst geborener Reflex, der diese Lust am Diktieren erzeugt?

In Frage stellen ist ein Bürgerrecht

Ist wirklich ausschließlich die Sorge um die körperliche Gesundheit der Bürger? Oder spielen auch wirtschaftliche und ordnungspolitische Interessen eine Rolle, die ein Abweichen, ein individuelles Sich-Anders-Entscheiden, sanktionieren? Was wird noch – sozusagen – nebenher – an Unliebsamem aus dem Weg geschafft? Sylvesterfeuerwerk? Umweltschädlich, der Feinstaub, der Lärm! Volksfeste? Widerlich, diese Alkoholexzesse, dieser Lärm! Ungezügelte Parties? Was da an Krankheiten entstehen kann!! Wir laufen froh beschirmt in die umfassend beschützende Gesellschaft. Vom Schutz aber ist es nur ein kleiner Schritt zur Unfreiheit. Wir müssen raus aus der Angstspirale, dringend! Vor allem, wenn nun nach Auftreten der vermutlichen „Exit-Variante“ Omikron um dieses unser Land der Bedenkenträger herum eine Nation nach der anderen die Konsequenzen zieht und Schutzmaßnahmen lockert. „Die einfachen Fragen werden von der Politik erst gar nicht gestellt, etwa: Ist das, was hier abläuft, noch vertretbar, sind die Maßnahmen verhältnismäßig? Es wird Zeit, über den Ausstieg zu diskutieren“, schreibt David Biner, Kommentator der ‚Neue Züricher Zeitung‘ am heutige 18. Januar in seinem großartig süffisant-boshaften Denkanstoß. Ja, lassen Sie uns diese Frage stellen. Und nicht im Brustton moralischer Überlegenheit mit dem Finger auf Menschen zeigen, die anderer Meinung sind. Lassen wir sie reden, lassen wir sie ihre Sorgen zeigen, auch auf der Straße, auch in den Medien. Nibelungentreue und bedenkenlose Gefolgschaft bekam den Deutschen noch nie gut – im Gegensatz zum In-Frage-Stellen und selber denken. Das Virus wird uns erhalten bleiben, wir müssen lernen, damit so umzugehen, dass unsere Gesellschaft weder gespalten wird, noch an Herz und Seele erkrankt. Denn neben dem Körper gibt es diese schließlich auch – glücklicher Weise! Und weder dem Herz noch der Seele tut sie gut – die angstmotivierte Lust am Befehlen.